Pssst … ich habe etwas Unglaubliches getan. Etwas, was mir seit Jahren nicht mehr passiert ist: Ich habe ein Buch in einem Rutsch gelesen! Naja, fast. :) Immerhin habe ich es an einem Tag gelesen, das muss gelten.


Das Buch heißt „Das Glück der handgemachten Dinge“ und wurde geschrieben von Marina Boos. Das Cover verspricht einen Kreativroman und verheißt mit den Worten „Willkommen in Jules Welt“ den ersten Teil einer Serie, was mich während der Lektüre sehr gefreut hat. Die Kritiken auf amazon sind etwas durchwachsen, aber da ich keine Probleme damit habe, kursiv Geschriebenes als Gedanken zu erkennen und eingebaute Briefe, handschriftliche Notizen oder eMails anhand der im Buch verwendeten grafischen Aufmachung zu identifizieren, hatte ich keine Lesefluss-Probleme. Neben den verschiedenen Schriftarten hat das Buch eine wunderschöne Gestaltung in bunt zu bieten, alles ein bisschen Vintage, in Pastelltönen, schön anzusehen und anzufassen und in der Wohnung liegen zu lassen. Diesmal tatsächlich kein Buch zum in der Bücherei ausleihen, sondern eins zum Kaufen und gestalten – Platz für eigene Ideen wird am Ende jedes Kapitels mitgeliefert.

Die Geschichte, grob zusammengefasst: Jolanda Moller, genannt Jule, 30 und Single, hadert mit – tja, wie sagt man das? Dem Ende der Jugend? Das Ankommen in der Welt der „echten“ Erwachsenen mit Berufstätigkeit, festen Bindungen, Zukunftsperspektiven, die weit über die nächsten paar Jahre hinausgehen. Gleich auf den ersten Seiten: Kenne ich, hatte ich auch. Nicht mit 30, eher früher, aber ich war auch schnell fertig mit dem Studium. Plötzlich die Frage: DAS mache ich jetzt die nächsten 40 Jahre? Will ich das? Ist mein Partner der Mensch, mit dem ich mir vorstellen kann, alt zu werden? Für Jule wäre die Problematik vielleicht nicht so akut, hätte sie nicht gerade Bescheid bekommen, dass sie ihre Traumstelle nun doch nicht bekommt. Jule hadert – und backt währenddessen Käsestangen. Das Rezept wird gleich mitgeliefert, und hätte ich Quark im Haus gehabt, wäre es im ersten Kapitel gleich die erste Leseunterbrechung gewesen. So bin ich immerhin 100 Seiten weit gekommen, bevor ich ganz dringend einen Tischläufer nähen musste.


Jule verlässt die Stadt Frankfurt und eröffnet ein Cafe im Geburtsdorf ihrer Großmutter. Dabei gerät sie aneinander mit den typischen Verstrickungen des Dorfs, das allem Auswärtigen gegenüber sehr misstrauisch ist. Ich bin selber auf einem Dorf aufgewachsen und kann bestätigen, dass Marina Boos hier zwar Klischees zu bedienen scheint, aber in punkto Bürgerbewegung und „Bloß keine Veränderung! Traditionen erhalten!“ nicht übertreibt. Unser Schützenverein geht lieber kaputt, bevor er Frauen aufnimmt. Und meine Mutter, die aus dem Nachbardorf stammt, ist auch nach 40 Jahren noch eine Fremde. Ja, es ist ein Frauenroman, aber ohne Romantik (dafür hat die Protagonistin keine Zeit, sie muss ein altes Wirtshaus renovieren) und mit inspirierenden Beschreibungen einer überaus kreativen Frau. Sie backt (laut Kritiken angeblich eher uninspiriert Käsestangen und Schwarzwälder Kirschtorte – die müsste ich auch dringend mal wieder machen!), bastelt, webt, malt und streicht alle Möbel weiß . Vor allem letzteres ist doch wirklich sehr sympathisch. :))) Und sie sammelt Wörter: Tren-nen, Ent-Sorgen … ich liebe Bücher, bei denen ich mich in die Sprache quasi hineinlegen kann, und hier spürt man die Lust der Autorin an der Sprache. Jule betrachtet Wörter von allen Seiten, lässt sie wandern, sich drehen, rollt sie durch die ganze Wortfamilie … es war pures Vergnügen, diese Sprachlust zu lesen. Allein Jules Lust, Vorhänge zu bestempeln, kann ich nicht nachvollziehen. ;)


Ich habe brutto sechzehn Stunden für die Lektüre gebraucht. Dabei habe ich im Wartezimmer des Orthopäden gelesen, dann weiter im Behandlungsraum, dann habe ich auf dem Rückweg spontan an einer Parkbank Halt gemacht, weil ich nicht nach Hause in meinen Alltag wollte, sondern lesen. Abgesehen von den üblichen „Alltagsärgernissen“ habe ich die Lektüre nur unterbochen, weil ich ganz dringend sofort und auf der Stelle kreative Projekte umsetzen musste, die ich seit Wochen oder Monaten im Kopf mit mir herumschleppe. Aus alten Spitzendeckchen und gehäkelten Kragen einen Tischläufer nähen. Aus einem alten Buch einen Türkranz basteln (Anleitung im Buch. Habe ich gnadenlos geändert.). Erdbeeren sticken. Aus Stoffresten eine Bestecktasche zum Wickeln für den Arbeitsrucksack nähen. Zaubersteine filzen habe ich verschoben auf nächsten Mittwoch. Und dann war das Buch doch aus und es war mitten in der Nacht, und heute bin ich völlig übermüdet. Ich brauche ganz dringend Teil 2. :)

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